Meine 3 Fragen an,… Galika zum Thema Faires Wohnen.

Heute nun der nächste Teil meiner neuen Serie hier auf LinkedIn. Kurz, ehrlich, persönlich. Mich interessiert, wie meine Kolleg*innen auf Themen schauen, die uns alle betreffen. Denn in der GLS Bank arbeiten viele kluge Menschen mit klaren Haltungen und eigenen Perspektiven.

Weiter geht es mit meiner Kollegin Galika Ivanov aus der GLS Bank Pressestelle. Galika hat mit sieben weiteren Menschen überlegt, dass Mieten und Wucher nicht mehr in Frage kommt. Es braucht einen anderen fairen Weg eine Wohnung bzw. Lebensraum zu bezahlen. Wir kaufen ein Haus, war die Idee, aber wie. Es wurde das „Wohnprojekt Vielsam“ gegründet, zunächst als erstes Miethäuser-Syndikat (MHS) im Ruhrgebiet, aber dann kam alles ganz anders. Hier meine drei Fragen:

Galika, du bist Sprecherin der GLS Bank, Ex-Handelsblatt-Redakteurin – und gründest nebenbei ein Wohnprojekt in Bochum. Was war der Moment, in dem du gesagt hast: Ich will nicht nur über bezahlbares Wohnen schreiben, ich will es selbst machen?

Der erste Impuls kam mit 22 in meiner damaligen Uni-WG. Ich habe noch studiert, aber die Ersten waren schon berufstätig. Im Arbeitsalltag haben sie die Gemeinschaft vermisst. Deswegen hatten wir große Pläne: der klassische Bauernhof, wo alle genug Platz haben.

Daraus wurde damals leider nichts. Aber die Idee habe ich im Herzen behalten. Es musste der richtige Zeitpunkt und die richtigen Menschen kommen, damit ich den Wunsch angehen konnte. Je krasser der Wohnungsmarkt und Mietnotstand wurde, und ich mittlerweile 17 mal umgezogen bin, desto klarer wurde mir: Es gibt keinen perfekten Zeitpunkt. Ich fange jetzt an.

Das Mietshäuser Syndikat erklärt: Vielsam ist das erste Mietshäuser-Syndikat-Projekt im Ruhrgebiet kein Spekulationsobjekt, keine Profite, bezahlbare Mieten für immer. Könnt ihr euch aber als acht Freund*innen zwischen 33 und 40 mal eben so ein Haus kaufen? Wie funktioniert das konkret mit den Direktkrediten?

Ohh… da müssen wir unsere Selbstbeschreibung beim Miethäuser-Syndikat (MHS) noch ändern. Anfangs wollten wir das 1. Syndikat im Ruhrgebiet werden. Dafür hatten wir bereits einen Verein gegründet. Im Modell des MHS wäre noch eine GmbH dazugekommen, die dann das Haus erwirbt.

Die GmbH bekommt das Geld einerseits durch zwei Dinge: 1. Direktkredite und 2. einen Bankkredit. Was sind Direktkredite? Hier geben Menschen uns direkt Geld und bekommen dafür jährlich einen selbstgewählten Zins bis zu 1,5 Prozent. Sie legen es sozusagen bei uns an. Dafür gibt es einen Kreditvertrag mit Laufzeit und Kündigungsfrist.

Die Zinsen werden aus den Mieteinnahmen generiert. Nach Ablauf der Zeit bekommen Sie ihr Geld zurück. Im Idealfall ist das Wohnprojekt auf ewig angelegt. Sobald jemand einen Kredit rauszieht, legt jemand anderes wieder an. Oder aber die Kredite werden nach und nach ausgezahlt – je nachdem, was zu welchem Hausprojekt passt.

Dieses Instrument war unsere Rettung: Wir alle haben zwar ganz durchschnittliche Gehälter und in unseren Berufsleben wenig Geld ansparen können. Dadurch, dass die GLS Bank Direktkredite als Eigenkapital anrechnet, konnten wir so die Voraussetzung für einen Kredit erfüllen. Insgesamt haben wir innerhalb von 6 Monaten 120.000 Euro von Unterstützer*innen zugesprochen bekommen.

Um aber einen bezahlbaren Kredit als GmbH zu bekommen, hätten wir ca. 400.000 Euro an Direktkrediten einsammeln müssen. Dafür hat die Zeit nicht gereicht, weil wir unser Traumhaus so schnell gefunden hatten. Deswegen mussten wir das Syndikat Modell etwas anpassen. Statt einer GmbH haben wir eine GbR gegründet. Die vier den höchsten Gehältern der Gruppe haben den Kredit für die GbR aufgenommen.

Im Grundbuch steht nur die GbR. Das hat den Vorteil, dass Personen wechseln können ohne das jedes mal die teure Grundsteuer fällig wird. Im GbR Vertrag ist darüber hinaus geregelt, wie wir unser Zusammenleben organisieren. Es ist alles auf den ersten Blick komplizierter, als es am Ende tatsächlich ist.

Viele dieser rechtlichen Prozesse haben auch dazu geführt, dass wir uns frühzeitig damit auseinandersetzen mussten, welche Grundhaltung wir haben. Wir sind uns hier glücklicherweise ziemlich einig – keine Gewinn, dafür Solidarität. Wir haben quasi das MHS an unsere Realität angepasst.

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Galika / Foto: Rouven Kasten

Euer Motto ist ‚Vielsam statt Einsam‘ – ihr plant offene Werkstätten, DJ-Workshops, eine Plauderbank vor dem Haus. Mal ehrlich: Ist das nicht super romantisch gedacht?

Na klar ist das romantisch gedacht! Ich glaube, es wird am Ende sogar kitschig. Wir haben einen guten Draht zu den Verkäufern des Hauses, die uns bereits viele Menschen aus der Nachbarschaft vorgestellt haben.

Wir verstehen uns alle gut. Wir werden noch mehr zusammenwachsen, sobald wir da wohnen.

In Bochum gibt es gerade viele Menschen, die großartige Projekte machen: die Solawi Bochum legt los, es gibt einen Verein gegen Einsamkeit „Bochum vereint“, „EssBo“ – für mehr essbares Grün in der Stadt, einen kostenlose Second-Hand Store und die Menschen von der Alsenstraße, die aktivistische Nachbarschaftsarbeit machen. Hier habe ich zum Beispiel einen Flinta-Finanztreff gestartet, um niedrigschwellig Geld zu erklären.

Ich glaube, das kann nur noch besser werden.

Vielen Dank Galika.

Zum Wohnprojekt: https://wohnprojekt-vielsam.de/

Über Galika: Ich rede, spreche, schreibe. Am liebsten über Geld, Gefühle und Gesellschaft. Denn nur, wenn wir anfangen unser Geld sinnvoll und menschlich einzusetzen, können wir unsere globalen Probleme in den Griff bekommen. Davon bin ich überzeugt. Diesem Thema widme ich mein Leben. Dabei begreife ich Geld als ein Medium. Etwas, was uns verbindet. Es kann uns schaden, es kann uns aber auch antreiben, zusammenschweißen und bewegen. Wenn wir unser Geld klug bündeln, verändern wir unser Zusammenleben. Meine besondere Kompetenz ist es, das komplexe und bähbäh-Thema Finanzen greifbar zu machen. Mit meinem Team arbeite ich stets daran, unsere sozial-ökologischen Werte in die Welt zu tragen. Dabei bleibe ich vor allem eins: authentisch, informiert und liebevoll.

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