Die re:publica 2026 war für mich in diesem Jahr vieles gleichzeitig: Hoffnungsmaschine, Überforderung, Wiedersehen, Reizüberflutung, ein Digitales Klassentreffen. Und ein ziemlich ehrlicher Spiegel dafür, wo wir als digitale Gesellschaft gerade stehen.
2 Tage re:publica, ich versuch mal einen Recap,…
Ich bin nach Berlin gefahren mit dieser vertrauten Mischung aus Vorfreude, Neugier und leichter Ahnung, dass drei Tage re:publica auch wieder sehr viel stress werden. Es wurde dann auch sehr viel. Inhaltlich, körperlich*, emotional.

Live dabei war ich in Sessions, die sich für mich wie einzelne Kapitel derselben großen Frage angefühlt haben. Wie bleiben wir als Gesellschaft handlungsfähig, wenn digitale Räume immer lauter, abhängiger, schneller und manipulierbarer werden?
Ein starker Auftakt war für mich Karen Hao. Sie hat sehr deutlich gemacht, wie gefährlich eng wir KI noch immer als reines Wachstumsprojekt erzählen. Mehr Chips, Rechenzentren, Skalierung, Leistung, Marktanteile, mehr alles. Als wäre die Antwort auf jedes Problem einfach noch mehr Rechenpower. WTF, wo ist denn die Nachhaltigkeit?

Genau da klafft für mich eine gefährliche Lücke zwischen technologischem Fortschritt und gesellschaftlicher Verantwortung. Wenn KI Systeme schneller skaliert werden, als Sicherheitsmechanismen, Regulierung und Grundlagenforschung hinterherkommen, entstehen reale Risiken. Wenn inzwischen 80 Prozent der US Bürger*innen Sorgen beim Thema KI äußern, dann ist das kein Randthema. Dann reicht es nicht, KI als Innovationsversprechen zu verkaufen. Dann müssen wir darüber sprechen, wer profitiert, wer die Kosten trägt und warum eine Technologie mit so viel Macht noch immer so stark von Profitlogik und Skalierungsideologie getrieben wird. Und warum es bald weniger Wasser gibt!
Bernhard Pörksen sprach über die Kunst des Zuhörens im großen Rauschen. Das hat mich sehr beschäftigt, weil es so gut zur Gegenwart passt. Früher war Information knapp, heute ist Aufmerksamkeit knapp. Wir können alle senden, posten, kommentieren, reagieren. Aber Gehör zu finden, wirklich zuzuhören und sich der Sicht eines anderen Menschen auszusetzen, ist vielleicht eine der schwersten demokratischen Übungen geworden.
Taylor Lorenz & Gavin Karlmeier sprachen über Anonymität im Netz. Über ein offenes Web, in dem Anonymität lange Schutzraum, Werkzeug und Freiheitsversprechen war. Für Whistleblower, für verletzliche Menschen, für Kreativität. Heute wird dieser Schutzraum immer häufiger unter dem Versprechen von Sicherheit infrage gestellt. Das ist unbequem, weil es einfache Antworten unmöglich macht. Aber genau deshalb war dieser Talk wichtig.

Franzi von Kempis** hat sehr klar gezeigt, warum demokratische Kommunikation mutiger werden muss. Während autoritäre Stimmen längst gelernt haben, wie digitale Aufmerksamkeit funktioniert, verlieren sich demokratische Akteur*innen viel zu oft in Vorsicht, Abstimmungsschleifen und dem Wunsch, bloß nichts falsch zu machen. Demokratie braucht aber Erzählungen, Haltung und Menschen, die sichtbar für etwas stehen.
Carline Mohr** hat diese Wunde noch einmal auf einer anderen Ebene geöffnet. Viele Politiker*innen, CEOs und andere Menschen mit Macht kommunizieren noch immer, als wäre Öffentlichkeit eine Pressemitteilung aus den 80ern. Glatt, kontrolliert, distanziert. Dabei entsteht Vertrauen heute woanders. In echter Sprache. In Nahbarkeit. In dem Mut, verständlich zu sein.

Anna Lembke wiederum hat mit „Dopamine Nation“ eine andere Ebene berührt. Die Frage, wie wir in einer Welt permanenter Reize, Belohnungen und Ablenkungen überhaupt noch Balance finden, ist keine private Wellnessfrage. Sie betrifft unsere Aufmerksamkeit, unsere politische Urteilsfähigkeit und unser Miteinander. Wer dauernd auf den nächsten Kick wartet, hat wenig Raum für Tiefe, Widerspruch und Geduld. Vielleicht leg ich ja doch mal wieder das Handy weg? Und Du?
Was Klasse heute bedeutet mit Mareice Kaiser zeigt sehr klar, wie Klassismus wirkt. Stark war Agnieszka Jastrzębska. Sie sprach als Küchenkraft über Arbeit, die unsere Systeme trägt und trotzdem viel zu selten gesehen wird. 200 Euro mehr im Monat machen für viele Menschen einen echten Unterschied. Mich hat das getroffen.
Wer kaum Luft zum Leben hat, kann nicht einfach nebenbei sichtbar werden, Netzwerke pflegen und für die eigenen Interessen kämpfen. Klasse gehört mitten in die Debatte über Demokratie, Öffentlichkeit und Zusammenhalt. Mehr zuhören. Arbeit fairer wertschätzen und Ressourcen gerechter verteilen. Taxtherich möchte man schreien!
Und dann war da Jan Kus mit seinem Versuch, Tw*tter, twttr bzw. Chrrp noch einmal neu zu denken. Ohne Ads, Algorithmus, Elron. Natürlich hatte das erst einmal sehr viel Nerd Nostalgie. Aber dahinter steckt eine sehr ernsthafte Frage. Welche digitalen Räume bauen wir eigentlich, wenn wir die alten Plattformlogiken nicht einfach kopieren wollen?

Passend dazu habe ich diesmal versucht, wieder so was wie live zu „twittern“. Nur eben nicht mehr an einem Ort, schon gar nicht auf X. Ich habe parallel auf Mastodon, Threads, Bluesky sowie auf den neuen europäischen Playern eYou und wedium gepostet. Dort findet man auch alle oben genannten Beiträge. Für mich war das ein kleiner Feldversuch.
Dabei habe ich folgende Fragen: Wie fühlen sich diese neuen digitalen europäischen Netzwerke an? Wie reagieren sie und die Communitys? Gibt es dort (überhaupt schon) Resonanz? Entsteht echter Austausch? Oder bleibt man erst einmal in kleinen, tastenden Öffentlichkeiten unterwegs?
Gerade dieser Versuch hat mir noch einmal gezeigt, wie sehr sich Live Kommunikation verändert hat. Früher gab es für solche Momente gefühlt einen gemeinsamen digitalen Raum, „twitter“ schallte es unisono. Heute verteilt sich Öffentlichkeit auf viele Orte. Das ist anstrengender, aber vielleicht auch ehrlicher. Es zwingt uns, neu darüber nachzudenken, wo wir eigentlich sprechen, wem wir zuhören und welche Infrastrukturen wir stärken wollen.
Und trotzdem war der wichtigste Ort der re:publica für mich auch in diesem Jahr kein digitaler Raum. Es war der Innenhof, ganz analog. Die Gespräche zwischen zwei Sessions, ein Wiedersehen im Vorbeigehen. Das lange Stehenbleiben, obwohl man eigentlich längst weiter wollte, während der Kaffee kalt wird. Die zufälligen Begegnungen mit Menschen, die man sonst nur als Profilbild, Handle, Blog oder Kommentar kennt.

Vielleicht unterschätze ich das jedes Jahr wieder, ja (!) die Talks sind wichtig. Die Bühnen geben Impulse, nur der eigentliche Wert entsteht, wie ich finde oft dazwischen. Mit Menschen, die man viel zu selten sieht und bei denen man sofort wieder weiß, warum diese Community so wichtig ist.
Dieses Jahr war aber auch körperlich eine Grenze erreicht. Zum ersten Mal musste ich eine re:publica am dritten Tag vorzeitig verlassen. Eine Migräne Attacke hat entschieden, dass für mich Schluss ist. Statt weiterer Talks, Begegnungen und spätem Mitsingen saß ich früher als geplant im Zug. Sogar die richtigen Queen Socken hatte ich eingepackt.
Das war schade. Und ehrlicherweise emotionaler als gedacht. Weil die re:publica für mich seit vielen Jahren ein fester Ort ist. Ein Ort, an dem man digitale Öffentlichkeit nicht nur analysiert, sondern erlebt. Ein Ort, an dem man merkt, dass hinter all den Debatten echte Menschen stehen, die weiterfragen, weiterbauen, weiterstreiten und einander Mut machen. „Wir Alle“ wie Johnny in seiner Rede zum Abschied sagte.
Was bleibt?
Die #rp, wie wir oldschool Besucher*innen sie nennen muss mir nicht jedes Jahr völlig neue Antworten liefern. Manchmal reicht es, wenn sie die richtigen Fragen wieder schärfer stellt.
Für mich bleibt die re:publica genau deshalb wichtig. Weil sie zeigt, dass digitale Souveränität kein Nischenthema mehr ist. Dass Kommunikation demokratische Arbeit ist. Dass Plattformkritik erst dann etwas verändert, wenn daraus Praxis wird. Und dass Hoffnung manchmal ganz analog beginnt. In einem Innenhof. Mit Menschen, die man viel zu lange nur als kleine Bilder im Feed gesehen hat.
Natürlich habe ich nicht geschafft, alle Talks aufzuschreiben, die mich beschäftigt haben. Und ich habe ganz sicher nicht alle Menschen genannt, die ich getroffen, kurz gedrückt, im Innenhof wiedergefunden oder endlich einmal analog gesprochen habe. Danke an alle, die diese Tage wieder besonders gemacht haben. Ich habe mich sehr gefreut, euch zu sehen.
*Ich bin müde nach Hause gefahren. Mit Migräne. Mit vollem Kopf. Mit zu vielen offenen Fragen. Aber auch mit Dankbarkeit. 💚💚💚 Und vielleicht sehen wir uns ja schon am 9. & 10. Oktober wieder, in Düsseldorf, auf der nächsten re:publica.
Wie war Deine re:publica?
PS: (Fast) alle Talks findest Du bei YouTube.

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